50 Jahre Romaday – ein Interview mit Hamze Bytyci von RomaTrial

50 Jahre Romaday – ein Interview mit Hamze Bytyci von RomaTrial

Hamze Bytyci Foto: Veronika Patočkova

 

Am 8. April 1971, vor 50 Jahren, wurde in Orpington bei London der Erste Welt-Roma-Kongress abgehalten. Es war der Beginn einer Bürgerrechtsbewegung von Sinti und Roma, welche für die Rechte der Minderheit in verschiedensten Selbstorganisationen weltweit kämpft und unter anderem auch die nationalsozialistische Vernichtungspolitik thematisiert, welche bis dahin von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet blieb. Mindestens 500 000 Sinti und Roma wurden im Holocaust ermordet, viele Schätzungen gehen von wesentlich höheren Zahlen aus. Seit 1990 wird der 8. April als Aktionstag weltweit genutzt, um auf die Diskriminierung der Minderheit, die ungebrochen anhält, aufmerksam zu machen.

Ich spreche heute mit Aktivist, Schauspieler und Regisseur Hamze  Bytyci aus Berlin, der 2012 den Verein RomaTrial gründete, eine transkulturelle Selbstorganisation von Roma und Nicht-Roma. RomaTrial ist unter anderem Träger der Roma Biennale, der ersten selbstorganisierten Biennale von und mit Roma-Künstler:innen aus ganz Europa, eines interdisziplinären Festivals mit Kunst, Musik, Diskurs und Performance und ausserdem des seit 2017 stattfindenden AKE DIKHEA?-Filmfestivals. Der Verein ist Teil und Mitinitiator des breiten gesamtgesellschaftlich angelegten Bündnisses für Solidarität mit den Sinti und Roma Europas.

K: „Hamze, deine ersten zarten Erfahrungen als Aktivist reichen weit zurück bis in deine Kindheit. Bereits 1990, im Alter von 8 Jahren, musstest du die existentielle Erfahrung von drohender Abschiebung machen. Du bist im Kosovo geboren und 1989 mit deiner Familie nach Deutschland emigriert. Durch die Heirat konntest du letztendlich deinen Aufenthalt sichern. Schauen wir uns die aktuelle Abschiebesituation in Deutschland an, müssen wir konstatieren, dass nach wie vor in großer Zahl besonders Roma in ihre vermeintlich „sicheren Herkunftsländer“ abgeschoben werden. Oftmals sind es Menschen, die bereits seit Jahrzehnten in Deutschland leben, hier arbeiten, die Schule besuchen, ein Teil der Gesellschaft sind. Wie geht es dir angesichts des 50-jährigen Jubiläums des Welt-Roma-Kongresses damit?“

HB: „Es ist erschreckend. Nicht nur angesichts des 50-jährigen Jubiläums, sondern auch angesichts der weltweiten Pandemie. Während uns die Regierung dazu anhält, zu Hause zu bleiben, werden Menschen aus ihrem Zuhause ausgerissen und in ein Land geschickt, dass sie teilweise gar nicht kennen, und in dem sie nicht selten auf der Straße landen. Für Roma ist es besonders schwer, dort Fuß zu fassen, weil der Antiziganismus allgegenwärtig ist und sämtliche Türen wortwörtlich versperrt. Aus einer Anfrage der Linksfraktion geht hervor, dass ausgerechnet Berlin als einziges Bundesland im Jahr 2020 die Zahlen der Abschiebungen nicht gesenkt hat. Von Berlin aus wurden letztes Jahr 6% der sogenannten „Ausreisepflichtigen“ abgeschoben, im bundesweiten Durchschnitt waren es 3,8%.“ 

K: „Worauf bist du als in Deutschland lebender Rom besonders stolz? Was habt ihr erreicht? Was macht dir Hoffnung?“ 

HB: „Mit dem Wort „stolz“ tue ich mich ziemlich schwer. Aber ich nehme es als ein Privileg wahr, dass ich mehr als ein „Pass-Alman“ bin: dass ich viele verschiedene Lebensrealitäten kenne und zugleich den deutschen Pass habe. Darauf bin ich nicht stolz, aber es erleichtert. Zumal, wenn ich mein angebliches Heimatland besuche und dort wie ein Stück Müll oder ein Tier angesehen werde, bin ich natürlich froh, zurück nach Berlin-Neukölln zurückzukehren. Hoffnung macht mir die nächste Generation, die sich den Mut nicht verbieten lässt und die gegen Ungerechtigkeit aufsteht. Ich hätte nicht gedacht, Bewegungen wie Fridays for Future oder Migrantifa  zu erleben. Menschen mit Migrationsgeschichte und Menschen of Color bilden einen immer größeren Teil dieser Gesellschaft; irgendwann wird es nicht mehr möglich sein, uns zu übersehen!“

K: „Antiziganismus ist nach wie vor ein in weiten Teilen der Bevölkerung vorhandenes Problem. Abgesehen von Vorurteilen und Unwissenheit kann man auch immer wieder beobachten, wie weit verbreitet die Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft ist bezüglich diskriminierender Sprache. Aktuelles Beispiel dafür ist ein kürzlich ausgestrahlter TV-Talk, in welchem sich zum Thema Rassismus ausschließlich Personen aus nichtdiskriminierten Gruppen äußerten. Dies geschah in herablassender und für diskriminierte Menschen verletzender Weise. Was macht das mit dir, wenn du solche Äußerungen im Jahr 2021 hörst?“

HB: „Ich will darüber gar nicht reden. Das sind Wellen, wie die dritte Welle bei Corona. Es wird sicher nicht die letzte sein, auch Hanau und Halle waren doch keine Einzelfälle. Rassismus und Antiziganismus hatten in Deutschland immer schon System und gerade auch Konjunktur. Das merkt man auch an dem Gedächtnistheater – während sich Deutschland als Meister der Erinnerungskultur sieht, hat dieses Land kein Problem damit, das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas mal für paar Jahre abzubauen, um eine neue S-Bahn-Linie drunter zu ziehen. „Jetzt haben auch unsere Toten ein Zuhause“, sagte der Auschwitz-Überlebende Reinhard Florian bei der Denkmalseinweihung, als er vor der schwarzen Wasseroberfläche stand. Nun zählt das scheinbar nichts mehr, auch die Verantwortung Deutschlands für seine Verbrechen ist scheinbar wieder verjährt. Aber wir kennen es ja nicht anders: gedemütigt, abgeschoben, abgeknallt, vergast – und schon wieder vogelfrei.“

K: „Inwieweit müssen Perspektiven von Rassismus und Antiziganismus Betroffener stärker in den Fokus gerückt, sichtbar und hörbar gemacht werden? Was erwartest du insbesondere von Politik und Zivilgesellschaft?“

HB: „Natürlich sind unsere Perspektiven wichtig, nicht nur im Bezug auf Rassismus und Antiziganismus, sondern auch auf die politischen, wirtschaftlichen, sozialen Entwicklungen, auf die Kunst und die Kultur, auf die Bildung – kurz auf die gesamte Gesellschaft. Deswegen habe ich das Filmfestival AKE DIKHEA? initiiert, das dieses Jahr zum fünften Mal genau diese Perspektiven sichtbar macht und Räume für Diskussionen ermöglicht. Auch die 1. und 2. Roma-Biennale haben das Ziel, künstlerische Produktionen von Roma* nicht nur im soziokulturellen Integrationswettbewerb zu verorten, sondern als selbstverständlichen und selbstbestimmten Teil unseres europäischen Kulturerbes anzuerkennen. Von der Politik und Zivilgesellschaft erwarte ich einen radikalen Weltfrieden und eine liebevolle Revolution. Aber im Ernst: Ich bin ja selber im Landesvorstand der Berliner Linken und als bekennender Sozialist wünsche ich mir natürlich eine Gleichberechtigung aller Menschen. Jetzt erst (r)echt!“

K: „Das Berliner Partizipations- und Integrationsgesetz wurde vor einigen Wochen novelliert, um die Teilhabe von Menschen mit Migrationsgeschichte in der Berliner Verwaltung zu verbessern. Im Zuge dessen wurde auch beschlossen, einen Beirat für die Angelegenheiten der Roma und Sinti einzurichten. Was versprichst du dir davon? Kann dies eine wirkliche Chance für die Minderheit darstellen? Ich persönlich stolpere ja immer ein wenig über den Begriff „Integration“ in diesem Zusammenhang, bedenkt man, dass Sinti und Roma seit mehr als 600 Jahren in Deutschland leben…“

HB: „Richtig, Integration ist ein falsches Konzept – es muss um Partizipation gehen! Die Sozialsenatorin wollte mit dem Gesetz eine Quote für Menschen mit Migrationsgeschichte im öffentlichen Dienst einführen, das wurde leider verhindert. Dabei geht es nicht um das Wort Quote, sondern um einen effektiven Nachteilsausgleich, der – wie mensch bei der Frauenquote feststellen musste – nur dann wirklich stattfindet, wenn er auch einklagbar ist. Und es geht auch um Datenerhebung, denn wenn wir dieses Instrument hätten, hätten wir auch klare, sichtbare Fakten. Immerhin soll das neue Gesetzt anders heißen, nämlich Gesetz zur Förderung der Partizipation in der Migrationsgesellschaft. Und richtig, der Beirat für Angelegenheiten der Sinti und Roma ist dort verankert. Daran haben wir die letzten drei Jahre hart gearbeitet und sind auf die Umsetzung gespannt. Möge der Beirat auch eine wichtige Stimme in der Berliner Politik werden!“

K: „Lieber Hamze, ich danke dir für das Gespräch.“ 

Schließen wir mit einer Zeile aus dem Lied „Gelem, gelem“, welches seit dem heutigen Tag vor 50 Jahren zur Internationalen Hymne der Roma wurde: 

Opre Rroma, isi vaxt akana! 

Erhebt euch, Roma, es ist Zeit!

H: „Danke dir, liebe Katharina, und Opre Roma! Auf die nächsten 50 Jahre!“

 

Ein umfangreiches Angebot an Medien und Informationsmaterial zum Thema „Sinti und Roma“ finden Sie in unserer Onleihe bzw. an den Standorten der Öffentlichen Bibliotheken Berlins unter www.voebb.de.

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