Der unbequeme Humanist. Zum 100. Geburtstag von Erich Fried

Der unbequeme Humanist. Zum 100. Geburtstag von Erich Fried

Buchcover der Buchtitel "Mitunter sogar Lachen" von Erich Fried und "Der Dichter und der Neonazi" von Thomas Wagner, drapiert auf einer pinkfarbenen Decke und einem rosafarbenen Kissen

Der 1921 in Wien geborene Lyriker, Essayist und Übersetzer Erich Fried, der heute seinen 100. Geburtstag feiern würde, gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren und Vertretern der politischen Lyrik der Nachkriegszeit. Er war ein kontroverser und unbequemer Dichter, zeitlebens politisch engagiert gegen Unrecht, Verfolgung und Unterdrückung, gegen Faschismus und Krieg – so manches mal verfemt als „Stören-Fried“. Er hinterließ ein äußerst umfangreiches Werk: Prosatexte, einen Roman, Erinnerungen, Übersetzungen, vor allem aber einen großen Schatz an Gedichten (es sind derer 37 Lyrikbände). Zu den beliebtesten und meistgelesenen Gedichtbänden gehören seine 1979 erschienenen „Liebesgedichte“. Und wer kennt es nicht, sein 1983 erschienenes, berührendes, in seiner Wahrhaftigkeit entwaffnendes Gedicht „Was es ist“?

 

Was es ist

Es ist Unsinn

sagt die Vernunft

Es ist was es ist

sagt die Liebe

Es ist Unglück

sagt die Berechnung

Es ist nichts als Schmerz

sagt die Angst

Es ist aussichtslos

sagt die Einsicht

Es ist was es ist

sagt die Liebe

Es ist lächerlich

sagt der Stolz

Es ist leichtsinnig

sagt die Vorsicht

Es ist unmöglich

sagt die Erfahrung

Es ist was es ist

sagt die Liebe

 

Doch um Liebe soll es uns an dieser Stelle heute vorrangig nicht gehen, zumindest nicht um die der romantischen Art. Denn natürlich: von Liebe und Zugewandtheit zu den Menschen getragen war das Leben und Wirken Erich Frieds freilich von Anbeginn. 

Als einziges Kind einer jüdischen Familie wuchs Erich Fried im Wien der Jahre zwischen den beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts auf. Schon als sechsjähriger Junge wurde er Augenzeuge von der Gewalt, welche von Obrigkeiten ausgehen kann: beim sogenannten Blutigen Freitag im Juli 1927 wurden vor seinen Augen Dutzende von Menschen erschossen. Durch Zufall gerät er mit seiner Mutter auf der Straße in die Ereignisse; es gelingt ihnen, in einem Laden Zuflucht zu finden: „Durch das Schaufenster sah ich Bahren mit Toten und Verwundeten.“ Ein prägendes Erlebnis, eines von vielen, von denen er uns berichtet im ersten Buch, welches ich heute vorstellen möchte: seine Erinnerungen „Mitunter sogar Lachen“, die anlässlich des Jubiläums in einer limitierten Geburtstagsausgabe vom Wagenbach-Verlag neu aufgelegt wurden. Der Höhepunkt dieser Geschichte gipfelt in der einige Monate später in Erichs Schule stattfindenden Weihnachtsfeier, bei der er ein Gedicht vortragen soll: als Erich bewusst wird, dass unter den Gästen auch eben jener für die blutigen Ereignisse verantwortlich zeichnende Polizeipräsident Schober anwesend ist, verweigert er den Gedichtvortrag mit deutlichen Worten – mit dem Erfolg, dass der Angesprochene tatsächlich, natürlich erbost, den Saal verlässt. Welch bemerkenswerte Standfestigkeit für ein sechsjähriges Kind!   

Die politischen Verhältnisse ändern sich in den kommenden Jahren radikal. Der christlich-soziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuß begründet nach Ausschaltung von Parlament und Verfassungsgerichtshof den austrofaschistischen Ständestaat und bereitet damit den Weg in eine Diktatur, von Erich Fried als „klerikaler Dreiviertelfaschismus“ bezeichnet. Somit sind sowohl linke als auch rechte Parteien verboten. Für den jüdischen Schüler Erich Fried bedeutet dies, dass sich in seinem schulischen Umfeld zuweilen seltsam anmutende „Allianzen“ und Toleranzen bilden. 

„Jeder in unserer Schulklasse kannte die politische Zugehörigkeit jedes anderen. Auf dem Schulweg und in der großen Pause wurde viel diskutiert, gestritten, manchmal auch geschlagen; aber dass einer einen politischen Gegner verraten hätte, kam nicht vor. Auch durch Einsagen und Zuschieben von Zetteln half man sich gegenseitig ohne Unterschied der Konfession oder Partei.“

So auch die verblüffende Geschichte vom Hitlerjungen Papanek, seinem Banknachbarn, der für ihn die Mathematik-Aufgaben erledigt, während Erich im Gegenzug für ihn Liebesgedichte verfasst, die jener seiner Angebeteten verehrt, dem jüdischen Mädchen Ruth. Als Papaneks Eltern ihrem Jungen eines Tages offenbaren, dass sie selber „rein jüdischer Herkunft“ seien, stellt sich für ihn, abgesehen von dem Glücksempfinden, seine Ruth nun ungeachtet von Nazi-Rasseideologien heiraten zu können, die Situation dar, wie andere Juden und Jüdinnen an Emigration denken zu müssen. Für den bis dahin begeisterten HJ-Anhänger wird nun ausgerechnet von seinen ehemaligen „Kameraden“ eine Geldsammelaktion für die Ausreise und eine Abschiedsfeier organisiert. Ruth und Papanek heiraten und wandern nach Bolivien aus.

Nur kurze Zeit nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich im März 1938 wird der Vater Erich Frieds verhaftet und von der Gestapo so schwer misshandelt und zusammengeschlagen, dass er an den Folgen verstirbt. Während seine Mutter ebenfalls in Haft und ins Gefängnis kommt, gelingt dem 17-jährigen Erich Fried die Ausreise nach London, wo er unmittelbar darauf eine Widerstandsgruppe gründet, welche vielen weiteren Jüdinnen und Juden, unter anderem seiner Mutter, zur Emigration verhilft. Seine geliebte Großmutter zu retten gelingt hingegen nicht: sie wird mit 79 Jahren in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet. Diesen Umstand wird Erich Fried niemals verwinden:

„Ihre letzten Briefe, die sie vor ihrer Deportation geschrieben hatte, habe ich bis heute nur zum kleinsten Teil wiedergelesen, weil ich, auch nach all den Jahren, schon bei den ersten Zeilen immer so zu weinen beginnen musste, dass ich nicht mehr weiterlesen konnte.“.     

Doch er wird dagegen anschreiben: gegen den Schmerz, gegen Resignation, gegen das Vergessen – sein ganzes Leben lang. 

 

Logos

Das Wort ist mein Schwert

und das Wort beschwert mich

Das Wort ist mein Schild

und das Wort schilt mich

Das Wort ist fest

und das Wort ist lose

Das Wort ist mein Fest

und das Wort ist mein Los

 

Wie ein Mensch, der engste Angehörige im Holocaust verloren hat, und sich selbst als überzeugter Antifaschist begreift, Jahrzehnte später ausgerechnet mit dem führenden Kopf der deutschen Neonazi-Bewegung und bekennenden Anhänger Adolf Hitlers, Michael Kühnen, den Dialog suchen und eine über Jahre andauernde (Brief)-Freundschaft pflegen wird, ist eine  erstaunliche Geschichte, welche das zweite heute vorgestellte Buch von Thomas Wagner erzählt: „Der Dichter und der Neonazi. Erich Fried und Michael Kühnen. Eine deutsche Freundschaft“, gerade erschienen im Verlag Klett-Cotta.

Ihren Ursprung nimmt diese Geschichte in einer im Jahre 1983 stattfindenden Folge der Talkshow „3 nach 9“, zu deren Gästen, neben anderen, auch Erich Fried und Michael Kühnen gehören sollen. Kühnen wird jedoch kurzfristig wieder ausgeladen, ein Umstand welcher von Fried scharf kritisiert wird: „Ob man den einladen soll oder nicht, darüber kann man streiten. Wenn man ihn eingeladen hat, ihn auszuladen, ist ganz bestimmt falsch und kleinkariert….; wir trauen uns offenbar nicht zu, mit so etwas fertig zu werden.“

Diese Haltung Frieds und seine Äußerungen stoßen auf vielerlei Unverständnis und Kritik. Besagter Neonazi Kühnen hingegen ruft unmittelbar nach der Sendung im Studio an, um sich bei Fried persönlich zu bedanken. „An diesem Abend“ so Thomas Wagner „wurden die Weichen für eine selbst für Eingeweihte nur schwer zu verstehende Beziehung gestellt.“.

Über die Beweggründe Frieds mag man spekulieren. Getragen von einem tiefen Humanismus und dem Wunsch, selbst im Feinde noch den Menschen zu erkennen, ihn zu verstehen, nicht nur zu bekämpfen und zu hassen, werden sicher auch persönliche Erlebnisse wie obig geschilderte um den Hitlerjungen Papanek eine Rolle gespielt haben. Sie werden einander in 3 Jahren insgesamt 16 Briefe schreiben, Telefonate führen; auch wird Fried den wegen Volksverhetzung und Verbreitung von NS-Propaganda Verurteilten im Gefängnis besuchen. Warum das alles?

„Weil ich glaube, dass es besser ist, wenn man mit Menschen spricht, als wenn man sich nur gegenseitig totschlägt…, auch wenn diese Menschen Ansichten haben, die man für ganz verhängnisvoll hält. Außerdem, man muss zwei Dinge unterscheiden: die Hoffnung, einen Menschen zu beeinflussen, und das andere, dass man mit einem Menschen sprechen soll, weil er ein Mensch ist, auch, wenn man ihn nicht beeinflussen kann.“ so Fried in einem Fernsehbeitrag  von 1985. Sogar in einem Gedicht, welches er Kühnen widmet, zeigt sich diese unerschütterliche Hoffnung:

 

Um Klarheit 

Aber am Steilrand der Hoffnungslosigkeit 

lebt noch das Andere weiter 

und kann leuchten

nun da es Abend wird

sogar durch Mauern und Gitter vielleicht auch aus denen 

die irren 

verwirrt von der Zeit 

die aber den Blick ins Weite 

und ihren Hunger nach Schönheit 

und ihre Liebe 

nicht ganz von sich abgetan haben und auch nicht vergessen im Taumel die gute Sehnsucht 

zu bejahen das Bejahende 

auch als Gejagte 

auch als Gefangene nicht

 

Dass diese Hoffnung sich nicht erfüllte, erfuhr der schwerkranke Erich Fried letztendlich nicht mehr: er starb im Jahre 1988 an Krebs, drei Jahre vor dem an Aids erkrankten Michael Kühnen, der bis zum Schluss ein unverbesserlicher Demagoge blieb und an den menschenfeindlichen Ideen des Nationalsozialismus festhielt.

 

Ein umfangreiches Angebot an Medien von Erich Fried sowie zu seinem Wirken finden Sie in allen Öffentlichen Bibliotheken Berlins sowie in unserer Onleihe.

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