Fran Ross: „Oreo“ – ein wieder entdeckter Schatz der amerikanischen Literatur

Fran Ross: „Oreo“ – ein wieder entdeckter Schatz der amerikanischen Literatur

Die Wiederentdeckung des 1974, mitten auf dem Höhepunkt der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, erschienenen, damals jedoch weitgehend unbeachteten, Romans „Oreo“ der amerikanischen Autorin Fran Ross ist, wie es der Autor Max Czollek treffend ausdrückt „ein Glücksfall“ für die Literatur.

Christine, die 16-jährige Heldin des Romans ist eine Außenseiterin mit jüdischen und schwarzen Wurzeln, daher auch der ironische Spitzname „Oreo“ (außen schwarz, innen weiß), welche sich, auf der Suche nach ihrem (weißen jüdischen) Vater (mit Namen Schwartz) auf einen bemerkenswert abgedrehten Roadtrip von Philadelphia nach New York begibt.

Der Vater verließ die Familie früh, hinterließ aber ein geheimnisvolles Rätsel für Oreo, welches es nun für sie zu lösen gilt. Die abenteuerlichen Erlebnisse und schrägen Begegnungen, geschildert voller Chuzpe und Wortwitz , der humorvoll-spielerische Umgang mit ihren verschiedenen Identitäten, welche auch autobiografischen Charakter aufweisen (die Autorin ist Tochter einer afroamerikanischen Mutter und eines jüdischen Vaters), aber auch die damit verbundenen Spannungen und Zerwürfnisse, lassen erahnen, wie weit Fran Ross ihrer Zeit voraus war.

Der Roman, in dessen besonderen Stil man sich anfangs ein wenig einlesen muss, da er sich einer phantasievollen Slang-Sprache bedient, gestaltet sich überbordend und voller spritziger Dialoge, durchaus auch provokant und im heutigen Sinne vielleicht nicht unbedingt politisch korrekt. Dialoge, die auch erzählen von Alltagsrassismus:

„Helen fragte: „Kennst du die Fernsehwerbung mit der Hausfrau, die gesteinigt wird, weil sie das falsche Waschpulver benutzt, und aus einem brennenden Busch kommt eine Stimme und feuert die Steinewerfer an?“
„Ja“, sagte Oreo.
„Der Busch ist dein Vater. Kennst du auch die mit der Hausfrau, die Hautausschlag kriegt, als ein kleiner Mann aus der Kloschüssel hüpft?“
„Ja.“
„Die Schüssel und der Ausschlag – beides dein Vater.“

Auch Sexismus erlebt die weibliche Heldin dieses Buches, doch Oreo tritt allem entschlossen entgegen: WITZ heißt ihre Kampfsportart, denn „Niemand reizt mich ungestraft!“ Sie ist ein unbesiegbares Supergirl!

Gleichzeitig erzählt „Oreo“ die alte griechische Sage des Theseus nach; in der Held:innen-Besetzung: weiblich, jüdisch, schwarz. Es ist ein fortschrittliches, feministisches und postmodernes Buch, welches Klischees sämtlicher Couleur auf das Wildeste durcheinander wirbelt – man erliegt diesem speziellen Charme schnell, willig und mit großem Vergnügen.

Fran Ross wäre am 25. Juni 85 Jahre alt geworden. Die Autorin starb, 50jährig, im Jahre 1985 an Krebs und hinterließ der Nachwelt leider nur dieses eine Werk: „Oreo“, ein Buch, welches viel zu spät gewürdigt und absolut verdient ausgezeichnet wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2020!

»Fran Ross führt ihre Leser in ein widersprüchliches Amerika. Wie Pieke Biermann diesen temperamentvollen Text voller jiddischer Anleihen und Südstaaten-Slang übersetzt hat, ist ein einziger Genuss.«

Begründung der Jury des Preises der Leipziger Buchmesse 2020 zur Preisträgerin Pieke Biermann für ihre Übersetzung von „Oreo“

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