Anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar: Ginette Kolinka „Rückkehr nach Birkenau“

Anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar: Ginette Kolinka „Rückkehr nach Birkenau“

Buchcover von Ginette Kolinka "Rückkehr nach Birkenau"

Ginette Kolinka ist bereits 94 Jahre alt, als sie damit beginnt, ihre Erinnerungen an Auschwitz-Birkenau niederzuschreiben. Es ist ein schmales Buch, ein karger Bericht und gerade in seiner Kargheit und Schonungslosigkeit umso eindringlicher und verstörender. Jahrzehntelang schwieg sie über ihre Erlebnisse im Konzentrationslager und danach: weder ihr Mann noch ihr Sohn kannten ihre Vergangenheit. Erst im Zuge der Dreharbeiten zu Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ in den 90er Jahren, für den Zeitzeugen gesucht werden, beginnt sie, ihre Sprachlosigkeit zu überwinden. Seit Anfang der 2000er Jahre arbeitet Ginette Kolinka regelmäßig mit Kindern und Jugendlichen, führt Schulklassen nach Auschwitz, spricht über das Gesehene und Erlebte und befindet sich dennoch gleichzeitig in einem permanenten Zweifel ob der Sinnhaftigkeit. 

„Ich bin fünfundfünfzig Jahre nicht mehr in Birkenau gewesen. Doch die Erinnerung ist glasklar. Die Ankunft ist ein Schock: „Aber nein!“ rufe ich, „das ist es nicht!“ Ich male mir den Geruch aus, den Schmutz, das Gewimmel von Menschen. Dabei weiß ich, dass das nicht möglich ist. Für mich aber ist es genau das. So habe ich dieses Lager vor Augen. Und ich bin unglücklich und beunruhigt bei dem Gedanken, dass die Besucher, die allein oder ohne Fremdenführer hierherkommen, sich womöglich vorstellen… Wie wollen sie den Rauch sehen, das Geschrei, das Gedrängel? Die Zehntausende von Menschen, die arbeiten, rennen, hinfallen? Nichts mehr von alledem. Die Wege sind schön sauber und abgezirkelt, sie haben Kies hergebracht, einen Gummiteppich, damit niemand im Dreck stehen muss. Es gibt sowieso keinen Dreck mehr. Und nicht eine Menschenseele, außer vereinzelten kleinen Schülergruppen. Die Baracken sind renoviert worden; wenn Sie hereinkommen, ist alles tadellos, sie haben noch nicht mal daran gedacht, eine Pappfigur in die Kojen zu legen. Ich fühle nichts….Birkenau ist inzwischen eine Kulisse.“

Die atheistische Jüdin Ginette Cherkasky ist 19 Jahre alt, als sie 1944 gemeinsam mit ihrem Vater, Bruder und Neffen im französischen Avignon denunziert und verhaftet wird. Sie werden in Haft verbracht, danach in das Sammellager Drancy und im Anschluss in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Noch während der Fahrt ist für sie und viele der anderen das Bevorstehende unvorstellbar. 

„Ich glaube noch immer, dass wir in ein Arbeitslager kommen. Dumm, wie ich bin, glaube ich bis zum Ende daran. Doch ich bin nicht die Einzige. Und wir sind nicht alle nur brave Lämmer! Es gibt Intellektuelle, Künstler, Menschen mit leidenschaftlichem Engagement. Aber niemand, wirklich niemand kann sich die Wahrheit vorstellen.“

Das jähe und entsetzte Erwachen beginnt in Auschwitz. Ihre Angehörigen werden direkt bei Ankunft ins Gas selektiert. Für Ginette beginnt ein täglicher Kampf ums Überleben. Das System KZ ist gnadenlos: Angst, Gewalt, Hunger und Demütigung, Kälte, Zwangsarbeit. Die junge Frau ist nur noch eine Nummer: 78599.

„Wir werden die ganze Zeit geschlagen, den ganzen Tag, für nichts und wieder nichts. Sie verprügeln uns mit ihren Knüppeln. Wir werden herumgestoßen, fallen hin, stehen wieder auf. Permanent, sodass es mir nicht mal mehr weh tut. Ich weiß nicht, ob ich blaue Flecken habe, ich gucke nicht nach. Ich weiß nicht, ob ich leide, ich denke nicht nach….

Es hat keinen Sinn, in den Krankenblock zu gehen. Erst wird man weggeschickt, später umgebracht. Man beißt sich besser allein durch. Ich lerne schnell.

…Ich beschließe, mich so klein wie möglich zu machen, nie aufzubegehren, alles zu akzeptieren.“

Welch kleine Gesten der Menschlichkeit dennoch möglich waren, inmitten des Grauens und der Abgestumpftheit, wird bewegend erzählt anhand einer kleinen Geschichte: eine weitere Lagerinsassin schenkt ihr plötzlich eines Tages ein Kleid. Es ist die spätere französische Gesundheitsministerin Simone Veil. 

Von Auschwitz geht es für Ginette in weitere Lager: Bergen-Belsen, Raguhn, Theresienstadt. 

1945 dann endlich die Befreiung durch die Alliierten.

Doch das Leiden in den Lagern hat unübersehbare Spuren hinterlassen. 

„Ich entdecke meinen Körper im Spiegel. Sofort denke ich an die „Muselmänner“, die zum Arbeiten viel zu mageren Häftlinge, die, wie alle wussten, die nächste Selektion nicht überstehen würden. Ich sehe aus wie sie: ein übermäßig großes Becken, die Waden dicker als die Oberschenkel, die Arme so mager, dass die Haut faltig herunterhängt. An der Waage zittert der Zeiger, bevor er zum Stillstand kommt: 26 Kilo. Ich bin 20 Jahre alt.

Drei Jahre lang werde ich krank sein, und ich habe nichts anderes im Kopf, als zu essen.“

Doch auch die Scham und das Schuldgefühl der Überlebenden, die viele andere Überlebende der Shoah ebenfalls immer wieder schilderten, begleiten sie ein Leben lang. Umso bewundernswerter ist ihr großer Mut und ihre Kraft, sich dem immer wieder zu stellen und ihr Wissen weiterzugeben an die Nachgeborenen – dies seit nun mittlerweile 20 Jahren. Bücher wie diese sind kostbar, sind wichtig, denn die Zeitzeugen jener schrecklichen Ereignisse werden immer weniger. Es gilt, das Bewusstsein wach zu halten und sich an Orten wie Auschwitz vor Augen zu führen: „Unter jedem eurer Schritte liegt ein Toter.“

Und es beschreibt, was die Vergangenheit mit Gegenwart und Zukunft zu tun hat:

„Den Schülern sage ich immer wieder: Daran ist der Hass schuld, der Hass im Reinzustand. Die Nazis haben sechs Millionen Juden vernichtet. Erinnert euch an das, was ihr für unvorstellbar gehalten habt. Wenn ihr hört, wie eure Eltern, Verwandte oder Freunde rassistische, antisemitische Äußerungen von sich geben, fragt sie, warum. Ihr habt das Recht zu diskutieren, sie von ihrer Meinung abzubringen, ihnen zu sagen, dass sie sich täuschen. Ob sie es wirklich tun?“

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