Von Liebe und Leid : James Baldwin „Beale Street Blues“

Von Liebe und Leid : James Baldwin „Beale Street Blues“

„Jeder in Amerika geborene Schwarze ist in der Beale Street geboren, ob in Jackson, Mississippi, oder in Harlem in New York: die Beale Street ist unser Erbe.“ 

Über James Baldwin, über seine Bücher zu schreiben, bedeutet in erster Hinsicht, diesem großen Sohn Amerikas eine Liebeserklärung zu machen. Eine Liebeserklärung, die sich nur zaghaft in Worte fassen lässt. Ein Anspruch, dem man kaum gerecht werden kann.

Baldwin, der am 2. August seinen 96. Geburtstag feiern würde, war nicht nur eine der bedeutendsten Stimmen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung – er war vor allem einer der großartigsten und wichtigsten Schriftsteller dieser Nation: Ein Weiser, ein Romantiker, ein Gerechter, ein Kämpfer, ein verletzlicher Mensch. Seine Bücher zu lesen, bedeutet immer wieder ein Geschenk und Menschen, die man liebt, schenkt man Baldwin! Denn von Liebe getragen und aus der Tiefe seines Herzens kommend geschrieben sind sie alle seine Bücher. 

Und so lesen wir auch die Geschichte von Tish und Fonny.  Die 19-jährige Tish, eigentlich Clementine, liebt Fonny, eigentlich Alonzo. Sie kennen sich schon ihr ganzes Leben lang. Nun erwarten die beiden ein Kind. Eine Geschichte von Glück, wie man sie tausendfach erzählen könnte, wäre da nicht ein Umstand in ihrem Leben der alles anders macht: Fonny sitzt im Gefängnis! Wegen Vergewaltigung! Zu Unrecht, denn Fonny hat ein Alibi. Doch die Zeugenaussagen zugunsten Fonnys zählen nicht, denn Fonny wurde von einem weißen Polizisten beschuldigt … und Fonny lebt in Harlem … Fonny ist schwarz! 

1974 geschrieben könnte dieser Roman heute nicht aktueller sein, berichtet er doch eindringlich von strukturellem Rassismus, Racial Profiling und der Ohnmacht dieses Ausgeliefertseins. Auch von religiösem Fanatismus spricht er, von Verleugnung und Selbsthass: Fonnys eigene Schwestern und seine Mutter glauben nicht an ihn, sehen eine „Strafe Gottes“ in dem, was ihm widerfährt. Umso mehr ist es die Familie von Tish, die mit aller Kraft ihrer Liebe für die Gerechtigkeit und die Zukunft dieser jungen Menschen kämpft und sogar das rare Geld und den weiten Weg nach Puerto Rico auf sich nimmt, dorthin, wo Fonnys Anklägerin lebt: Victoria. Doch Sheila, Tishs Mutter, trifft dort auf eine junge Frau, welche in noch schlimmerer Armut lebt … inmitten einer Favela, auf einer Müllkippe … selbst nur ein weiteres Opfer des Systems. 

„Wir hocken auf der gleichen Müllhalde. Aus dem gleichen Grund. Wer auch immer Amerika entdeckt hat, der hat es verdient, in Ketten nach Hause geschleift zu werden und da zu sterben.“

Was Rassismus mit davon betroffenen Menschen macht, welche Spuren dauernde Demütigung und Erniedrigung hinterlassen … wie sie münden können in Gewalt und Verzweiflung – auch davon wird erzählt. 

„Der amerikanische Triumph, der gleichzeitig die größte Tragödie Amerikas ist, besteht darin, dass es schwarze Menschen dazu gebracht hat sich selbst zu hassen. In meiner Kindheit haben sich Schwarze jedes Wochenende auf der Lennox Street die Köpfe eingeschlagen und niemand hat ihnen oder mir erklärt, dass es Absicht war, dass wir uns gegenseitig umbringen, dass wir zusammengepfercht sind wie Tiere, damit wir uns selbst als Tiere betrachten.“ schreibt Baldwin 1971 an die inhaftierte Bürgerrechtlerin Angela Davis.

Und ist die Sprache oft auch rau, so wie das Leben in Armut selbst, ist der Roman doch durchzogen von einer großen Zartheit und Zärtlichkeit. Es ist ein Buch, welches von Hoffnung spricht, von der Kraft der Liebe, welche ihren Platz behauptet … selbst in der größten Finsternis. Ein Schatz, den es zu (be)hüten gilt, denn:

„Es ist ein Wunder, wenn dir klar wird, dass dich jemand liebt.“

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.