Karolin Schwarz „Hasskrieger. Der neue globale Rechtsextremismus“ – über Fake-News, Hass und rechte Hetze in digitalen Räumen

Karolin Schwarz „Hasskrieger. Der neue globale Rechtsextremismus“ – über Fake-News, Hass und rechte Hetze in digitalen Räumen

Als am 15. März 2019 der australische Rechtsextremist Brenton Tarrant im neuseeländischen Christchurch bei einem Terroranschlag auf zwei Moscheen 51 Menschen ermordete und weitere 50 Menschen schwer verletzte, konnten diese unfassbare Tat mindestens 200 Menschen live bei Facebook verfolgen; insgesamt wurde das Video ungefähr 4000 mal angesehen, bevor es endgültig von der Plattform gelöscht wurde. Schon lange vor seiner Tat radikalisierte sich Tarrant über das Netz, war in rechtsextremen Foren unterwegs, bei Reddit, bei 8chan, war verbunden mit bekannten Aktivisten der Szene wie beispielsweise dem Chef der Identitären Bewegung Martin Sellner und bezog seine „Inspiration“ zu den Anschlägen maßgeblich vom rechtsradikalen Massenmörder Anders Breivik, der 2011 im norwegischen Oslo und auf der Insel Utøya  77 Menschen, überwiegend Jugendliche, ermordete.

Längst schon, seit Jahrzehnten, vernetzen sich extreme, radikale Rechte nicht mehr nur in geheimen Hinterzimmern oder an Stammtischen. Längst schon sind sie nicht mehr ersichtlich an Glatze und Springerstiefeln, sondern geben sich ein vermeintlich bürgerliches Gesicht. Länderübergreifend und global sind sie ganz offen im Internet unterwegs, strategisch gut organisiert und technisch bestens versiert – all dies schon seit den frühen 90er Jahren. 

Karolin Schwarz, Journalistin und Expertin für rechte Propaganda im Internet, liefert in ihrem Buch „Hasskrieger. Der neue globale Rechtsextremismus“ einen guten Überblick über die Entwicklung rechtsextremer Diskurse, über von Rechten genutzte Plattformen und Kommunikationskanäle, über Websites, Organisationen und Onlineshops. Anschaulich und gründlich wird verdeutlicht, welch große Gefahr vom weltweit immer mehr erstarkenden Rechtsextremismus gerade auch online ausgeht, nicht zuletzt zusätzlich getragen und verbreitet von totalitären Regimen und rechtspopulistischen Politikern und Parteien, die Hass und Hetze verbreiten – auch dies oft und gern über soziale Netzwerke.

„Heute lassen sich über die zahlreichen sozialen Medien rechtsradikale Botschaften ohne große Mühe an unterschiedliche Zielgruppen verteilen. Nicht nur im Wahlkampf alle vier bis fünf Jahre, sondern in jedem Jahr, in jeder einzelnen Woche, an jedem einzelnen Tag.“

Verschiedenste Strategiepapiere und Hasskampagnen werden im Buch genauso beleuchtet wie zentrale Akteure, Parteien und Organisationen. Ebenso deutlich werden jedoch auch die häufige Hilflosigkeit und das Versagen von Providern, Politik und Behörden, unterschätzte man doch ganz offensichtlich jahrelang die gesamte Tragweite der Vernetzung und ihrer Folgen.

Die Strategie des Akzelerationismus, welche viele Rechte benennen, zielt darauf ab, durch Hass und Terror einen Kollaps und Umbruch der Gesellschaft herbeizuführen und ein neues System nach rechten Ideologien aufzubauen. Die Attentate von Christchurch, Halle und Hanau sind nur einige Beispiele dafür, wie dieser Terror beginnen kann,  Gesellschaften zu verändern. Ein weiteres, ganz aktuelles, Beispiel ist die zu beobachtende hohe Anfälligkeit für rassistische und antisemitische Verschwörungsmythen während der anhaltenden Covid-19-Pandemie in immer größeren Teilen der Bevölkerung. Über Kanäle wie Telegram und YouTube, Facebook und Twitter, Bitchute und Twitch werden Hassbotschaften, Fakenews und Hetze im Minutentakt geteilt – aus der Mitte der Gesellschaft in die Mitte der Gesellschaft. Bisher Unsagbares wird plötzlich wieder populär, Hemmschwellen sinken drastisch, Geschichtsrelativierung, Holocaustleugnung, Wissenschaftsfeindlichkeit und offene Gewalt gehören mittlerweile zum täglichen Nachrichtengeschehen. Diesen gefährlichen Entwicklungen entschieden entgegenzutreten gehört zu den aktuell größten Herausforderungen, vor denen wir alle stehen, denn „nur wenn die demokratische Gesellschaft versteht, wie Stimmungsmache, Rekrutierung und Radikalisierung in digitalen Räumen funktionieren, kann sie eine geeignete Antwort darauf finden.“

Zu diesem besseren Verständnis leistet das Buch von Karolin Schwarz einen wertvollen Beitrag. 

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