Black History Month Part 3: Tupoka Ogette „Exit Racism. Rassismuskritisch denken lernen“

Black History Month Part 3: Tupoka Ogette „Exit Racism. Rassismuskritisch denken lernen“

Buchcover von Tupoka Ogette "Exit Racism"

 

„Rassismus gilt in Deutschland als individueller, bewusster Fehltritt der Anderen. Das heißt, es wird davon ausgegangen, dass Rassismus nur bei Nazis oder anderen ›schlechten‹ Menschen vorkommen kann und dass stets eine entsprechende Absicht vorhanden sein muss. So wird die Illusion geschaffen, dass es tatsächlich rassismusfreie Räume gibt. Es ist schwer, die soziale Brille, mit der auch ich gelernt habe, die Welt zu betrachten, abzunehmen und eine andere Perspektive einzunehmen. Aber es ist nicht unmöglich.“

Tupoka Ogette

 

„Rassistisch? Ich? Damit habe ich nichts zu tun!“ 

Wenn es um das Thema Rassismus geht, ist es vielen Personen sehr unangenehm, darüber zu sprechen. Zu groß ist die Abwehrhaltung vieler weißer Menschen, sich mit dem gesellschaftlichen und sozialen Konstrukt „Rassismus“ selbstkritisch auseinanderzusetzen. Dieser Zustand, in welchem weiße privilegierte Menschen leben, bevor sie bewusst dazu bereit sind, sich ehrlich und intensiv mit dem Thema zu beschäftigen, wird von Tupoka Ogette „Happyland“ genannt. 

„Absicht und Wirkung bilden in Happyland keine kausale Kette und haben – wenn überhaupt – nur sehr wenig miteinander zu tun. Die/der Happyländer:in entscheidet, wann und wie das Gesagte beim Empfangenden ankommt, wie es sich anfühlt oder anzufühlen hat. „Ich habe es nicht so gemeint, also musst du nicht so beleidigt tun.“ Und da das R-Wort so schwer moralisch belastet ist und Rassismus = schlechter Mensch bedeutet, kommt es für die/den Happyländer:in auch einer schweren Beleidigung gleich, des Rassismus bezichtigt zu werden: einem Hochverrat an allem, woran die/der Happyländer:in glaubt und was sie/er gelernt hat. […] Deshalb macht man sich in Happyland auch vielmehr Sorgen darüber, rassistisch genannt zu werden, als sich tatsächlich mit Rassismus und dessen Wirkungsweisen zu beschäftigen.“

Die Berliner Antirassismus-Trainerin Tupoka Ogette , geboren 1980 in Leipzig als Tochter eines tansanischen Studenten der Landwirtschaft und einer deutschen Mathematikstudentin, nimmt uns in ihrem Buch „Exit Racism. Rassismuskritisch denken lernen“ auf eine Reise, die uns die vielen Gesichter von strukturellem Rassismus aufzeigt. Wir lernen viel über die historischen Hintergründe von Rassismus, über Deutschlands Schuld in der Kolonialzeit und deren weitreichenden Folgen bis heute sowie über seine Präsenz in der Gegenwart. Wir erfahren anhand vieler Beispiele und Erfahrungsberichte von den „klassischen“ Abwehrmechanismen und Relativierungen nicht marginalisierter Menschen und die daraus resultierende große Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit der von Rassismus Betroffenen. Sehr aufmerksam widmet sich Ogette auch dem Bereich der Bildung und seinen vielen Facetten rassistischer Erscheinungsformen: in frühkindlichen Einrichtungen, Kitas und Schulen.

„Wie werden Menschen rassistisch? […] Kinder beginnen ab zwei Jahren Unterschiede in Geschlecht und Hautfarben wahrzunehmen. Dies geschieht erst einmal wertfrei. Dennoch lernen weiße Kinder meist recht schnell, dass sie mit ihrer hellen Haut Teil der Mehrheit sind. Daher ist Hautfarbe etwas, was sie für sich nicht thematisieren müssen, da sie sich durch die Mehrheitserfahrung bestätigt sehen. Bei Schwarzen Kindern ist das anders. Sie merken, dass sie sich durch ihre dunklere Hautfarbe von den meisten Kindern unterscheiden. Und sie lernen, dass es sich hierbei um eine Kategorie handelt, die aufgrund der Sichtbarkeit als ständige Projektionsfläche gilt. Dies allein bedeutet Stress. Aber es geht noch weiter. Ab zweieinhalb Jahren beginnen Kinder zu begreifen, welche Hierarchien wie Sprache, Geschlecht, Behinderung und eben auch Hautfarben in unserer Gesellschaft haben.“

…Dies kann gravierende Folgen haben. Die Erziehungswissenschaftlerin Stefani Boldaz-Hahn schreibt:

„Der Wunsch, die dunkle Hautfarbe in eine helle zu verwandeln und so das Erleben von Rassismus verhindern zu können, ist gerade bei Kindern häufig zu beobachten. Dies äußert sich z. B. auch im Versuch, sich hell zu waschen, sich mit weißer Creme zu behandeln oder durch das Essen von Seife…““

Das Besondere am Buch von Tupoka Ogette ist seine Vielschichtigkeit- es ist ein Mitmachbuch. Denn da es eigentlich ein Workshop in Printform ist, geht es natürlich nicht nur um Input. Nach jedem Kapitel werden die Lesenden eingeladen zur kritischen Selbstreflexion, all dies stets, ohne dabei den „Zeigefinger zu erheben“. Ebenso interessant sind die Logbuch-Einträge von ehemaligen Workshop-Teilnehmer*innen, die Auszüge davon für dieses Buch freigegeben haben und eindrucksvoll den inneren Wandel der Teilnehmer*innen dokumentieren. Außerdem gibt es einen sehr umfangreichen interaktiven Teil in Form von QR-Codes mit vielen weiterführenden Links zu Videos und Artikeln. 

Es ist ein sehr ermutigendes Buch, mit vielen guten Lösungsansätzen, für das Gelingen einer Gesellschaft ohne Rassismus und es bliebe zu hoffen, dass dieses Buch künftig zur Pflichtlektüre in allen deutschen Schulen wird!

„Wir alle können nichts für die Welt, in die wir hineingeboren wurden. Aber jede und jeder kann Verantwortung übernehmen und diese Welt mitgestalten.“

Tupoka Ogette

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.